Dystopische Strickware

Es wird Herbst, das ist nicht zu leugnen. Aber das ist okay. Wenn es stürmisch, grau und kalt ist, dann ziehe ich mir was gemütliches an, kuschel mich aufs Sofa und hole mir einen warmen, schnurrenden Laptop auf den Schoß.

Und damit sind wir auch beim Thema des aktuellen Projekts. Hauptdarsteller ist ein Stoff den ich vor zwei Jahren von Soda bekommen habe und da auch schon mal im Zusammenhang mit Herbstkleidung in der Hand hatte, als ich dann doch was anderes genäht habe. Der graue Strickstoff. Jetzt ist er wirklich dran.

Strickstoff
Eigentlich nicht nur grau, es sind auch gelbe und blaue Fäden in dem Garn.

Mein Plan dafür steht schon länger (den Entwürfen nach seit November letzten Jahres). Ich hatte eine Weile rumüberlegt, wie der Stoff am besten zur Geltung kommt. Er ist eher rauh, schwer und fällt schön. Dazu passt nichts was zu verspielt ist. Und dann fiel mir Matrix ein. Erinnert ihr euch an die Raumschiffszenen? Da haben immer alle solche völlig abgeranzten Strickpullis an, mit Laufmaschen und Löchern. Das Styling mochte ich immer ganz gerne, das ist mal was anderes als man sonst in Science-Fiction-Settings sieht. Und es ist irgendwie so rührend, dass die Welt zwar am Arsch ist, aber immer noch jemand Pullover strickt. :)

Und als ich darüber so nachgedacht habe, ist mir noch eine andere Szene eingefallen, aus William Gibsons Neuromancer : „Molly zog ihre schwarze Jacke aus; die Flechette hing in einem schwarzen Schulterhalfter aus Nylon unter ihrem Arm. Sie trug einen ärmellosen, grauen Pullover mit blanken Reißverschlüssen aus Stahl über den Schultern. Kugelsicher, dachte Case, der Kaffee in eine hellrote Tasse füllte.“

Also man sieht schon wo es hingeht. SciFi und Pullover. Auch wenn im fertigen Entwurf nur noch Details auf diesen Hintergrund hindeuten, und es im Grunde kein ausgefallenes Design ist, hatte ich diese beiden Vorlagen im Hinterkopf. Zusammen mit der Vorstellung eines gemütlichen Teils, in das man sich einkuscheln kann, wenn der Wind kalt durch das Raumschiff pfeift. ;)

Entwurf

Es soll ein Oversize-Pullover werden. Lässig-funktional, mit Raglanärmeln, Bündchen und einem sichtbaren Metallreißverschluss. Was das Schnittmuster angeht, habe ich zwei Optionen. In einem alten Burdaheft (eins der ersten das ich überhaupt gekauft habe) – Quick&Easy H/W 2004/05 – habe ich einen Raglanschnitt für lockere Shirts gefunden. In allen anderen Burdaheften die ich habe (5 Stehsammler voll) war überraschend wenig Raglan drin.

Schnittoption

Die andere Option ist natürlich, den Schnitt selber zu machen. Mein Schnittkonstruktionsbuch offenbart hier seine zweite Lücke (nach den Kapuzen). Online gibt es aber ein paar hilfreiche Anleitungen (hier oder hier zum Beispiel), also traue ich mir das durchaus zu. Und eigene Schnitte sind immer lohnenswerter*.

Der Plan ist also den Schnitt mal anzugehen, probezunähen, und sollte es doch wider Erwarten ein historisches Fiasko geben, dann auf den Burdaschnitt auszuweichen und nie wieder drüber zu reden. Let’s go! :)

 

* Denn mal ehrlich. Eigene Schnitte zu erstellen (bei mir aktuell vor allem relativ simple Basics, aber die Skala ist ja nach oben offen) ist der Weg ins modische Schlaraffenland. Es geht ja (ich rede hier nur von mir) nicht nur ums Nähen an sich, sondern auch um die Umsetzung einer mitunter recht verrückten Idee, das Schaffen eines Looks. Und das ist viel einfacher, wenn man nicht zuerst ewig nach dem perfekten Schnittmuster dafür jagen muss sondern sich hinsetzen und es selber machen kann.
Im Grunde schließt sich hier ein Kreis. Angefangen habe ich nämlich mit genau dieser Vision. Das zu nähen, das ich mir ausgedacht habe. Ich habe Entwürfe gemacht, ohne darüber nachzudenken welches Material sich dafür eignet oder welchen Schnitt ich nehmen könnte. Ich hatte ja keine Ahnung vom einen oder anderen. Also habe ich ganz losgelöst von Burdaheften und Stoffvorräten (hatte ich auch beides nicht) wilde Traumkreationen gezeichnet und dann versucht das umzusetzen. Wenn man hier ein Stück ans andere näht und hier ein Loch reinschneidet sieht es wie ein Kleid aus. Bingo! Ging natürlich auch oft schief, aber das was geklappt hat war die Grundlage für die frühen Natron&Soda-Anleitungen. Mit der Zeit wurde ich besser, anspruchsvoller, ich sammelte Stoff an und kaufte Schnittmuster. Und verbrachte dann lange Zeit damit, das eine mit dem anderen zu kombinieren. Damit kommt man schon sehr weit.
Aber inzwischen bin ich gelangweilt, versnobt oder fortgeschritten genug, dass es mir nicht mehr reicht, meine Ideen nur ausschließlich von Stoffen und Schnitten leiten zu lassen und maximal hier ein Krägelchen oder dort ein Säumchen zu ändern. Natürlich verwende ich immer noch sehr viele Schnitte die andere Leute gemacht haben und das auch gerne, denn man muss das Rad ja nicht immer neu erfinden. Aber am Anfang eines Projekts steht mittlerweile auch immer wieder mal nur die pure Idee. Und die grenzenlosen Möglichkeiten, die ich zu Beginn meine Nähkarriere gespürt habe, wenn ich den Bleistift in die Hand genommen habe, die sind jetzt auch wieder da. Selbermachen ist magisch.

7 Gedanken zu „Dystopische Strickware

  1. Oh, Raglan! Ich liebe Raglan. Irgendwann wird meine gesamte „obere“ Garderobe aus Raglanteilen bestehen *muahahaha* ;-)
    Ich bin gespannt wie der Pulli wird. Und danke schon mal für die Links zu den Raglan-Anleitungen, bei den burda-Modellen tu ich mich mit dem Anpassen an eigene Vorstellungen immer etwas schwer ;-)

  2. Yeah, ein Matrixpullover. Da bin ich sehr gespannt, wie der am Ende wird. (Irgendwann will ich ja auch noch mal so einen wie die Strickpullis da auf dem Schiff. Ich glaube allerdings, dass ich dafür noch besser stricken üben werde.)

  3. Wenn es nur halb so cool wird wie der Entwurf werde ich wieder vor dem Laptop sitzen. Das Bild deines fertigen Werkes bewundern und total neidisch auf den Pulli sein. Es ist also sehr vielversprechend, ich bin gespannt, was draus wird und drücke dir die Daumen.

  4. Seit ich diese Filme gesehen habe, will ich auch so nen Pulli haben. :) Stricken kann ich auch gar nicht, aber ich plane ein paar endzeitmäßige Alltagsklamotten. Und jetzt sitz ich doch wieder hier in meinem Lieblingsraglanpulli und bestaune was andere Leute so machen… ;) Auf Werdegang und Ergebnis bin ich jedenfalls auch gespannt.

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